Prey

Die Jagd geht weiter. Seit John McTiernan 1987 mit seinem Sci-Fi-Actioner PREDATOR ein Pendant zu Ridley Scotts ALIEN aufzog, sind die stolzen Weltraumkrieger mit Hang zum bestialischen Trophäenkult nicht mehr aus der Popkultur wegzudenken. Doch Franchise-Fans haben keinen leichten Stand: Shane Blacks letzter Eintrag PREDATOR: UPGRADE rief ein gemischtes Publikumsecho hervor und blieb an den Kinokassen hinter seinen Erwartungen zurück. Kein Wunder also, dass Fox-Neubesitzer Disney kein Risiko eingeht und das insgeheim produzierte Prequel PREY nicht ins Kinorennen schickt. Ein großer Fehler, denn PREY offenbart sich als wohl stärkster Teil nach dem unerreichbar scheinenden Original – und kann es sogar in einigen Punkten ausstechen. Mehr in meiner Kritik.

WORUM GEHT ES IN PREY?

Die junge Comanchin Naru (Amber Midthunder) lebt gemeinsam mit ihrem Stamm in der nordamerikanischen Prärie des 18. Jahrhunderts. Während ihr Bruder Taabe (Dakota Beavers) mit jedem Tag mehr zum furchtlosen Krieger heranwächst, will sich Naru nicht mit ihrem vorbestimmten Schicksal als Frau in ihrem Stamm abfinden. Sie rebelliert offen gegen ihre Mutter und übt sich im Geheimen in Kampf- und Jagdkunst. Doch als ein merkwürdiges Tier den natürlichen Frieden stört, trifft Naru auf einen übermenschlichen Widersacher.

ZURÜCK ZU DEN WURZELN

Ob eingebettet in eine Crime-Story, mit mehr Blut und Gedärmen oder überladen mit Dialogwitz: Die Erben von PREDATOR haben zahlreiche Wege beschritten, um das Franchise weiterhin erfolgreich fortzuführen. Doch trotz Robert Rodriguez‘ mitproduziertem Splatter-Battle Royale PREDATORS oder zuletzt Shane Blacks berüchtigtem Händchen für Buddy-Humor sprang der Funke nur selten über. Zu oft verloren die Sequels ihre martialischen Bezüge, trafen nicht die richtigen Töne auf der scheinbar simplen Predator-Klaviatur. Doch dieser ikonische Kampf zwischen Mensch und Alien im mexikanischen Dschungel verkam über die Jahrzehnte immer mehr zur filmischen Eintagsfliege. Nicht reproduzierbar, nur bedingt ausbaufähig. Selbst das heiß ersehnte Crossover ALIEN VS. PREDATOR bot nur dumpfen Action-Abklatsch mit plattem Fanservice entgegen der filmeigenen Lore.

Doch Dan Trachtenberg machte sich die Fehler seiner Vorgänger bewusst und beschloss in einer Frühphase des geheimen Projekts: Wir müssen zurück zum Anfang – und darüber hinaus. So kommt PREY als abgespecktes Action-Abenteuer daher, dass seine Einfachheit jedoch effizient zu nutzen weiß. Narus Widerstand gegen das stammeseigene Brauchtum, in dem die Geschlechterrollen klar und eindeutig verteilt sind – Männer jagen und kämpfen, während Frauen sich um die Versorgung des Stammes und den Schutz des Nachwuchses kümmern. Amber Midthunders Figur sucht mit emanzipatorischem Drang nach Empowerment ihrer eigene Rolle in der Gesellschaft.

Sie ist sich ihrer sozialen wie körperlichen Unterlegenheit gegenüber den männlichen Nachwuchskriegern bewusst, aber auch ihrem unbändigen Interesse an der Natur. In Pflanzenkunde ist sie bestens ausgebildet, jedoch will sie dem Stamm ebenfalls mit der Hirschjagd aus der Versorgungsnot helfen. Trachtenberg zeichnet hier neben dem vermeintlich kindlichen Trotz auch ein starkes Bewusstsein für Solidarität und Gemeinschaftswillen in das junge Comanchenmädchen mit der augenbetonenden Kriegsbemalung. Insbesondere im Gespräch mit ihrem Bruder festigt sich dieses Mindset zunehmend, da er nur wenig Verständnis für die Aufmüpfigkeit seiner Schwester aufbringt. So schafft Trachtenberg von vornherein einen empathischen Zugang zu Narus Gemüt und darüber hinaus zu einer moderngesellschaftlichen Miniatur in einem unterrepräsentierten Geschichtskontext. Der Respekt gegenüber der Comanchenkultur ist stets spürbar und eröffnet den Einblick mittels fesselnder folkloristischer Einflüsse.

HIRN SCHLÄGT MUSKELN

Trachtenberg nutzt seine glaubhafte Figurenentwicklung als Ausgangsbasis, um das Actiongeschehen um den übermenschlichen Eindringling einzuleiten. Wir erfahren kaum etwas über den unsichtbaren Angreifer, der sich mit einer Mischung aus außerweltlicher Technologie und Körperkraft von einem Spitzenprädator zum nächsten durchkämpft. Doch in der nordamerikanischen Prärie scheint nach dem Kampf gegen Wolf und Grizzly die Konfrontation mit dem Menschen unausweichlich. PREY bedient sich hier des bekannten Regelwerks der Predators, deren aktuellster Vertreter mit einem spannenden Frühzeit-Tec-Mix daherkommt.

Doch anstatt mit Lasergeschossen und Minigun-Salven inszeniert Trachtenberg den Kampf auf einer archaischen Ebene, nur mit geschärften Steinpfeilen und spitzen Knochendolchen neben dem eigenen geschärften Geist. Anders als Arnold Schwarzenegger im Original muss Naru vor allem ihr taktisches Geschick und ihre Adaptionsfähigkeit nutzen, denn sie hat ihrem Gegner körperlich keine steirischen Muskelberge entgegenzusetzen. Einige Elemente, wie etwa das Austricksen der Wärmesicht des Predators, recycelt Trachtenberg zwar. Durch die unverbrauchte Präriekulisse mit ihren vertrockneten Baumkolonien und steinigen Flussufern wirkt der Film bildgestalterisch jedoch erfrischend und abwechslungsreich in Szene gesetzt. Diese erreicht jedoch durch ihre Weitläufigkeit nur selten die klaustrophobische Bedrohlichkeit eines unendlich dicht scheinenden Urwaldes, in dem hinter jedem Strauch der Tod lauern könnte. Auch der Auftritt schießwütiger Wilderer aus Europa wirkt eher behelfsmäßig, um dem Predator einige saftige Opfertrophäen vorzusetzen. Der Jäger ist jedoch Meister seines Handwerks und darf seine Opfer spektakulär brutal von ihren Gliedmaßen und Gedärmen befreien.

Fazit

Dan Trachtenberg zeigt mit PREY, wie gut er die Franchise-Geheimformel verstanden hat. Neben den klassischen Actioneinlagen schafft er es jedoch, mit der kompletten Storyverlagerung in das 18. Jahrhundert einen interessanten wie unverbrauchten Kulturlokalisierung aufzuziehen. Durch seine unaufgeregte Erzählweise und den multikulturellen Cast weiss das Filmteam respektvoll wie erzählerisch vereinnahmend mit der Comanchenkultur anhand einer starken Heldin umzugehen und Kultur mit Sci-Fi-Spektakel bündig zu verknüpfen.

(Hinweis: Es existiert in den USA eine zweite Tonspur, die den Film ähnlich wie Mel Gibsons APOCALYPTO oder DIE PASSION CHRISTI vollständig in der indigenen Sprache der Comanchen erzählt. Empfehlenswert, wer noch intensiver in die kulturellen Hintergründe eintauchen will. Bisher leider noch nicht in Deutschland abrufbar!)

Dem Original muss sich das Prequel lediglich in der sprunghaften Nutzung seiner Kulisse sowie einem aufgenötigten Nebenhandlungsstrang geschlagen geben. Umso trauriger, dass wir PREY als ersten Predatorfilm nur im Heimkino serviert bekommen. Eine Kinoauswertung hätte sich der zweitstärkste Franchisebeitrag mehr als verdient.

Quelle: imdb.com

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