The Deer King

Kriege sind wie Flüche. Die Menschen haben sie geschaffen, um einander zu schaden. Wie klebriges Pech haften sie auch nach Jahrhunderten noch an Unbeteiligten, selbst wenn die Knochen der einstigen Widerstreiter bereits längst zerfallen sind: Krieg dringt bis ins Mark der gesellschaftlichen Seele ein – und setzt sich dort fest wie ein Tumor. Genau wie Flüche verfolgen Kriege niemals einen edlen, nützlichen oder gar altruistischen Zweck. Sie sollen immer nur demjenigen zum Vorteil genügen, der sie ausruft. Meist sind es wenige, die das Schicksal vieler besiegeln.

Für Landbesitz, Reichtümer, Ehre – die Liste pathetisch nachgebrabbelter Rechtfertigungen ist lang. Was am Ende immer bleibt, sind verstümmelte Seelen auf allen Seiten, mit denselben tumorbedingten Zwangshandlungen: Hassen, Kämpfen, Verletzen, Leiden, noch mehr Hassen. Die wahre Erbsünde der Menschheit. Und doch, trotz all der Aussichtslosigkeit, gibt es Menschen, die den dilemmatischen Zirkel zu durchbrechen, den Fluch zu lösen versuchen. So auch der stumme Soldat Van in THE DEER KING.

LEIDFAKTOR MENSCH

Die Welt von THE DEER KING wirkt zunächst idyllisch. Kristallklare Bäche, die plätschernd durch grüne Wälder und Blumenwiesen mäandern. Borstige Wildsäue, die mit ihrem quiekeligen Nachwuchs durch die Hügellandschaften streifen. Natürliches Idyll weit und breit, jedoch trügt der Schein. Denn schon bald weichen die Wälder und Wiesen kuppelartigen Steinbauten mit heiß brodelnden Feuerkernen. Anhänger von Echtzeit-Strategiespielen würden hier wohl ein dumpfes Horntuten und die Einblendung „Sie haben die Eisenzeit erreicht“ erwarten, denn die Menschen des namenlosen Kontinents haben sich inzwischen die Verarbeitung und Herstellung des stabilen wie weit verbreiteten Metalls angeeignet – und jeder weiß, wozu es alsbald instrumentalisiert wurde.

Zu dem Zeitpunkt, in dem wir als Zuschauer in den Film eintauchen, ist die unvermeidbare Katastrophe bereits eingetreten. Die Reiche Zol und Aquafa haben sich lange und schwer bekriegt, woraus erstere als „Sieger“ hervorgingen. Die neue Territorialmacht verleibt sich zugleich die gegnerischen Ländereien mitsamt Mensch und Maus ein, ließ den Unterlegenen jedoch die gnädige Wahl des Kniebeugens. Lediglich dem Gebiet der Feuerpferde ließen die Machthaber in Zol ihre Unabhängigkeit – aus Furcht, denn dort grasiert das tödliche Schwarzwolffieber.

TIEFSITZENDER GROLL

Das Regie-Duo MASASHI ANDO und MASAYUKI MIYAJI setzt bereits mit den ersten Texteinblendungen über harmonischen Naturbildern den Rahmen für das kommende Fantasy-Abenteuer. Mit historisch geprägter Ernsthaftigkeit zeichnen sie das Bild eines gespaltenen Kontinents, das sich neben den jüngst verlegten Landesgrenzen auch in den Köpfen der Menschen bemerkbar macht. Die leidvollen Kriegsjahre haben tiefe Gräben in die Herzen der Menschen gerissen, eine friedliche Aussöhnung scheint ausgeschlossen. Zu tief sitzt der Groll über die Niederlage in den naturverbundenen Aquafa, die sich nur scheinbar dem aufgezwungenen Vasallentum ergeben haben und insgeheim weiterhin auf Rache an den Zol sinnen. Die Eliten der Zol wiederum verbarrikadieren sich in pompösen Burganlagen, wo sie in Angst vor dem Schwarzwolffieber verharren. Denn kurioserweise sind die Aquafa immun gegen die pestähnliche Seuche, die durch den Biss von geisterhaften Wolfswesen übertragen wird.

Filmische Fabeln mit naturspirituellen Einflüssen finden seit jeher großen Anklang im shintoistisch geprägten Japan. Laut der Shinto-Lehre wohnt jedem lebendem sowie unbelebtem Element mindestens ein Geist inne, der über es wacht – vom fruchtbaren Ackerboden bis zum peitschenden Wind. Um aufgebrachte Geister zu besänftigen oder sie um wohlwollende Umstände zu bitten, nehmen die Menschen seit jeher Kontakt über verschiedene Arten von Schreinen auf, in deren Inneren göttliche Verehrungsgegenstände aufbewahrt werden, die Shintai genannt werden. Diese spirituelle Verbindung zwischen Mensch und Natur fließt auch in zahlreiche Erzählungen mit ein, so auch in THE DEER KING. Im Schwarzwolffieber manifestiert sich der Zorn der Naturgötter, die so den Schädling „Mensch“ von der Wurzel ab ausrotten wollen.

DIE NATUR SETZT SICH ZUR WEHR

So zerreißt das übernatürliche Wolfsrudel immer wieder in einem giftähnlichen Strom die natürliche Idylle, überfällt einsame Wanderer wie ganze Dörfer und macht selbst vor hilflosen Kindern nicht halt. Doch zeigt sich die natürliche Ambivalenz auch in anderer Form: So existiert in den Wäldern Aquafas eine seltene Hirschart, die als Indikator für den Naturzustand dient. Wo sie leben, scheint das Wasser noch nicht verseucht, Klee und Gräser noch nicht verdörrt zu sein. Sie gehen sogar symbiotische Beziehungen mit den Menschen ein, für die sie als Reittiere und Milchgeber dienen. Doch nur wenige verstehen die wahre Sprache der Hirsche, durch die sie von Dienern zu treuen Gefährten werden. Einer dieser wenigen ist Van, ein vom Krieg gezeichneter Mensch.

Der stämmige Mann mit der ernsten Miene steht sinnbildlich für die verheerenden Kriegsverluste, die Menschen im ganzen Reich erleiden mussten. Frau und Kind wurden ihm gewaltsam genommen, die ihm unterstellten Soldaten getötet oder wie er versklavt. Eingesperrt in einer Mine wartet Van auf den Tod. Denn für den narbenübersähten Hünen gibt es nichts Lebenswertes mehr – bis er auf Yuna trifft. Die Wege der beiden kreuzen sich ausgerechnet an diesem dunklen Ort ohne Hoffnungsschimmer, als Yunas Ziehmutter bei einem Angriff der Schwarzwölfe getötet und sie verwundet zurückbleibt. Als das kleine Mädchen mit der Zahnlücke und dem unbändigen Haar am Boden liegt, regen sich im eingesperrten Van wieder Lebensgeister und lassen ihn eingreifen, wobei er selbst auch gebissen wird.

VOM MEISTER GELERNT

Die Geschichte bringt so zwei Menschen zusammen, die aufeinander angewiesen sind. Diese Abhängigkeit entwickelt sich langsam, aber herzlich von einer bloßen Zweckgemeinschaft zu einer ersatzweisen Vater-Tochter-Beziehung. Insbesondere Van taut durch die lebhafte und neugierige Art von Yuna zunehmend auf und offenbart die Gutherzigkeit, die hinter der kantigen Fassade schlummerte. Die beiden bilden das empathische Herzstück des Films, denen man trotz der intriganten wie verlogenen Begegnungen auf ihrer Reise einen glücklichen Ausgang wünscht. Doch das dieser nicht eintreten wird, scheint traurig gewiss.

In seiner Verquickung aus menschgemachtem Leid und beseeltem Naturidyll erinnert THE DEER KING an animierte Meisterwerke wie etwa Ghiblis PRINZESSIN MONONOKE oder CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND. Dass sich das Regie-Duo hiervon insbesondere in seiner Bildsprache hat inspirieren lassen, ist einfach zu erklären. Sowohl Ando als auch Miyaji lernten und arbeiteten jahrelang unter der Federführung von HAYAO MIYAZAKI an diversen Ghibli-Produktionen. Trotz der oberflächlichen Ähnlichkeiten setzen die beiden erfahrenen Animationsfilmer jedoch auf ihre eigene Erzählweise, die in gewissen Punkten konsequenter durchgesetzt wird als bei den Vergleichswerken und durch seine komplexere Erzählweise mehr aneckt. Van legt so immer wieder Todessehnsüchte an den Tag, insbesondere wenn ihn seine militärische Vergangenheit und die privaten Verluste in stillen Momenten wieder einholen. Nur Yunas unverblümte Zuneigung zu ihrem „Appa“ scheint das Herz des gebrochenen Mannes immer weiterschlagen zu lassen und seinen Geist von den quälenden Gedankenwolken kurzzeitig zu befreien.

ERZÄHLERISCHE IRRWEGE

Der Soldat steht zudem sinnbildlich für die Räson, die bei den Machthabern selbst nach dem verlustreichen Krieg immer noch ausgeblieben ist und nun in Form von Van nach einem Weg sucht, die immer noch kriegsbedrohte Welt zu befrieden. Hierfür dichten ihm die Filmemacher eine mystische Beziehung zur Natur an, was auf einer Mischung aus esoterischer Chakrenlehre und chinesischer Medizin basiert. So bleibt lange unklar, woher Vans Verbindung zur Natur beruht, weshalb ein wissbegierigen Mediziner aus Zol dieser nachgeht. Diese Gralssuche nach der „Naturmagie“ lässt die Geschichte an manchen Stellen jedoch unsauber ausfransen, sodass etwa die Begegnung mit einer rachsüchtigen Aquafa-Assassine allzu offensichtlich ihre Funktion als dramaturgische Wegmarke offenbart.

Trotz mancher Irrwege schafft es THE DEER KING, insbesondere in ruhigen Momenten, den Zauber seiner Figuren auch ins Visuelle zu übertragen. Sei es Van, der mit einem der seltenen Hirsche von einem kargen Hügel in die Sterne schaut und plötzlich seine innere Veranlagung wie durch ein strahlendes Prisma entdeckt. Oder sei es die Begegnung mit dem Quell des Schwarzwolffiebers, einem verbitterten Herrscher in einem knorrigen Baumgebilde, der nach vermeintlichem Verdörren durch einen göttlich intentionierten Blitzsturm wiederbelebt wird und dem Götterzorn als beängstigendes Machtwerkzeug zum finalen Schlag gegen die Menschen dient. Doch Van und Yuna zeigen auch, dass in diesem Chaos aus Machtgier, Blut und Tränen eine Hoffnung keimt– eine Hoffnung auf Versöhnung, so der Mensch denn will.

Titel: The Deer King
Regie: Masashi Ando, Masayuki Miyaji
Drehbuch: Taku Kishimoto
Laufzeit: 1h54m
Veröffentlichung: 15.09.2022 (Kinostart durch KSM Anime/Plaion)
Quelle: deerking.kochfilms.de

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