Sorry Genosse

Die Berlinale 2022 findet wieder als Präsenzfestival statt und hat für den Restart zahlreiche interessante Filmprojekte in ihr Programm aufgenommen. Vera Brückners Langdoku-Debüt SORRY GENOSSE feiert in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ seine Weltpremiere und spielt eindringlich mit den Gefühlen der Zuschauerschaft, aber auch den eigenen Genre-Konventionen.

DIE HANDLUNG VON SORRY GENOSSE

Das dokumentarische Porträt erzählt die Geschichte von Karl-Heinz und Hedi. Die beiden haben sich 1969 zu DDR-Zeiten kennengelernt, wenn auch auf unterschiedlichen Seiten der Mauer. So blieb ihnen nur die Möglichkeit, sich per Brief ihre Gedanken und Gefühle mitzuteilen. Als ein DDR-Immigrationsgesuch von Karl-Heinz jedoch scheitert und die Stasi ihn gegen seinen Willen als Westspion einsetzen will, suchen sie entschlossen einen anderen Weg zur persönlichen Wiedervereinigung: Hedis Republikflucht.

EINE AUSSERGEWÖHNLICHE GESCHICHTE

Frau Brückner, Sie Schlitzohr! 

Nie hätte ich erwartet, dass sie uns mit den ersten steifen Intervieweinstellungen, eingebettet in ein krisseliges Best of-Video des Jahres 1969, auf eine falsche Fährte führen.

In kryptischen Happen erzählt SORRY GENOSSE uns die Geschichte zweier Liebender derselben Herkunft: er als Kleinkind in den Westen geflüchtet, sie im thüringischen Oberellen geblieben und in die DDR-Maschinerie gewachsen. Zwei menschliche Magnete, getrennt durch Stacheldraht und Wachtürme. Nur die Korrespondenz auf dem Postweg gab den geheimen Gedanken ein Ventil:  stets höflich, oft politisch, zunehmend zärtlich. 

Doch die Geschichte von Karl-Heinz und Hedi, die sich zwischen der ersten Mondlandung und Nixons Watergate-Affäre abspielte, hat mehr zu bieten als stapelweise zerknicktes Briefpapier. Eine gescheiterte DDR-Immigration, geheime Zweisamkeit in Prag und ein Masterplan mit dem Ziel: Republikflucht. All das verpackt Vera Brückner in zunächst irritierenden  Standbildern und Landkartenspielereien. Zwischen den Bildformaten 16:9 und 4:3 wechselnd, hebt sie so die Einzigartigkeit dieses dokumentarischen Paarporträts und einzelner Abschnitte ihrer unglaublichen Geschichte hervor.

ECHTSEIN ZWISCHEN DEN ZEILEN

Immer wieder setzt Vera Brückner in SORRY GENOSSE bewusst auf konfuse Zwischentöne. Sei es Karl-Heinzs misslungener Pfeifversuch oder ein wilder 70er-Paartanz in einem leeren Festsaal: Die Kamera klebt an den beiden, ist selbst Tänzer statt nur Beobachter. Natürlich sind auch Abschnitte geskriptet; deren bloße Existenz gilt für viele Dokumentarfilmer immer noch als künstlerische Blasphemie, die es auf Teufel-komm-raus zu vertuschen gilt. Nicht so Frau Brückner: Als Karl-Heinz einen dramaturgischen Schlusssatz vergeigt, erhaschen wir einen Blick auf den „echten“ Karl-Heinz. Seine Verwunderung, sein selbstironisches Lachen, die hörbar amüsierte Regisseurin aus dem Off. Dann folgt der (vermutliche) Zweitversuch von Karl-Heinz, wieder mit aufgesetztem Ernst. Das Echtsein findet hier zwischen den Skriptzeilen statt.

Vera Brückners Langdoku-Debüt SORRY GENOSSE bricht mit genretypischen Konventionen und zeigt die unglaubliche Geschichte zweier Liebender, deren Charme man sich nicht entziehen kann. Chapeau!

Titel: Sorry Genosse
Regie: Vera Brückner
Besetzung: Karl-Heinz Stützel, Hedwig Stützel, Brigitte Ulrich, Lothar Thiel, Lisa Rumpel
Drehbuch: Vera Brückner
Laufzeit: 1h34m

Veröffentlichung: 13.02.2022 (Berlinale 2022, Weltpremiere)
Quelle: crew-united.com

Ein Kommentar

  1. Hallo! Herzlichen Dank für diese liebevolle und ebenfalls witzige und kluge Kritik. Bei „Frau Brückner, Sie Schlitzohr“ musste ich laut auflachen. Viele Grüße, Vera Brückner

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